Oktober 2008, Nr. 12, Ausgabe 3 - Perspektiven
Die Auswirkungen der Freiheitskämpfe im südlichen Afrika
Von Allen Isaacman
Mitglied des Universitätsverwaltungsrates, Professor für Geschichte und Direktor
Interdisziplinäres Zentrum für die Erforschung globaler Veränderungen
Universität von Minnesota
Senior-Berater, Aluka
Das Projekt Freiheitskämpfe in Südafrika, welches von Aluka in Partnerschaft mit DISA (Digital Innovation South Africa) organisiert wird, ist eine wichtige wissenschaftliche Initiative zur Bewahrung, Digitalisierung und Verbreitung von Materialien, welche eine der größten politischen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts dokumentieren. Um den intellektuellen Einfluss dieser Initiative so groß wie möglich zu gestalten, mussten namhafte Wissenschaftler, Archivare und öffentliche Intellektuelle aus dem südlichen Afrika sowie aus anderen afrikanischen Regionen bzw. aus der nördlichen Hemisphäre eine führende Rolle bei Gestaltung und Leitung des Projektes spielen.
Bis dato haben Teilnehmer und Beitragende mehr als 200.000 Seiten mit sorgfältig ausgewähltem Material ins Netz gestellt. Die Dokumentation umfasst nationale Publikationen, Regierungs-Berichte, gerichtliche Kommissionen, Zeitungsberichte, Material von Anti-Apartheid-Organisationen, Privatbriefe, bildliche Darstellungen und "Oral History" (Befragung von Zeitzeugen), welche von einer Vielzahl von Partnern, wie dem Nationalarchiv von Mosambique, dem Nationalarchiv von Namibia, dem Nationalarchiv von Portugal, dem Niederländischen Institut für Südafrika, dem Nordafrika-Institut, dem Rhodes-House der Universität von Oxford und der Herskovits-Bibliothek der Northwestern University (unter vielen anderen) zusammengetragen wurden.
Als afrikanischer Historiker und als jemand, der die gewaltigen Veränderungen in Südafrika genau verfolgt hat, finde ich vier Aspekte dieser digitalen Bibliothek besonders bedeutsam. Zunächst reproduziert sie nicht nur einfach die Geschichte der nationalen Parteien, die erfolgreich waren und schließlich an die Macht des Staates gelangten, sondern sie richtet den Schwerpunkt auf eine facettenreichere und viele unterschiedliche Aspekte einschließende Darstellung der Freiheitskämpfe. Zweitens geht die Sammlung weit über herkömmliche Geschichte(n) über Organisationen hinaus, indem sie Material über die verschiedenen Weisen beinhaltet, in denen Arbeiter und Bauern, Männer und Frauen, Alte und Junge das System der Unterdrückung ertrugen, sich auf kreative Weise an dieses anpassten oder versuchten, dieses zu untergraben. Dieser Drang, den Brennpunkt der Analyse zu erweitern, spiegelt sich als dritter Aspekt, den ich so wertvoll finde, in den mündlichen Geschichten, welche in dieses Projekt einbezogen wurden, wider. Die Abschriften mündlicher Zeugnisse von Frauen, welche Widerstand gegen Zwangsaussiedlungen in Südafrika leisteten, von Freiheitskämpfern in Mosambique, von politischen Gefangenen in Simbabwe und von Anti-Apartheid-Aktivisten in Westeuropa und Nordamerika bieten einen einzigartigen Einblick in das Alltagsleben und die politische Arbeit von Schlüssenfiguren des Unabhängigkeitskampfes. Schließlich beleuchtet die Dokumentation die komplexe Art und Weise, in welcher die Freiheitskämpfe in dieser Region ideologisch, strategisch und taktisch miteinander verflochten waren.
"Freiheitskämpfe in Südafrika" hat sich als ein wertvolles Forschungs-Werkzeug für viele meiner Studenten in den Diplomlehrgängen über afrikanische Geschichte und Global Studies erwiesen, indem es ihnen einen leichten Zugang zu einem breiten Angebot von Primärquellen ermöglichte. Das intellektuelle Grundgerüst des Projektes, das auf einer Reihe von fünf überregionalen Themen beruht1, verlieh ihnen das notwendige Rüstzeug, um sich mit vergleichender Forschung über Themen wie "die Natur des kolonialen Zusammenpralls" oder "Verbindungen zwischen Bauern- und -Guerrilla-Bewegungen" zu beschäftigen. Das Projekt war ihnen auch bei Entwurf und Formulierung von Dissertationsprojekten auf breiterer vergleichender und theoretischer Begriffsgrundlage und beim Aufwerfen einer Reihe von Fragen in Zusammenhang mit der Erzeugung von Wissen hilfreich.
Die Einbeziehung dieses Projektes in JSTOR bietet zahlreiche offensichtliche Vorteile. Sie ermöglicht Studenten und Wissenschaftlern neben einer breiten Grundpalette von wichtigen Artikeln, interpretativen Analysen, historiographischen Essays und Buchbesprechungen, welche in führenden Fachzeitschriften veröffentlicht wurden, den Zugang zu einer detaill- und facettenreichen Sammlung über das zeitgenössische Südafrika. Die Verknüfung mit JSTOR bedeutet auch, dass diese unschätzbare Dokumentation über die Freiheitskämpfe mehr als 370 Bildungs- und Kultureinrichtungen in Afrika zur Verfügung stehen wird, die heute als autorisierte Benutzer einen kostenlosen Zugang zu JSTOR besitzen. Diese Geschichte ist ein beonders sensibler Teil des historischen Erbes des Kontinents und muss für zukünftige Generationen bewahrt werden. In den nächsten Jahren wird dieses Projekt -nun in Verbindung mit JSTOR- weiter einen wertvollen Beitrag zur Erreichung dieses Ziels leisten.
1Die fünf Themenfelder sind (1) Das Kolonialsystem: repressive Ideologien, Anpassungen und soziale Auswirkungen (2) Volkswiderstand (3) Organisierte Bewegungen gegen den Kolonialismus und politische Gruppen (4) Regionale und internationale Perspektiven des Kampfes (5) Freiheitskämpfe, innere Konflikte und Destabilisierung
